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Forschungsstelle Osteuropa
Die Forschungsstelle Osteuropa (FSO) ist als An-Institut eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung an der Universität Bremen. Sie wird gemeinsam von der Kultusministerkonferenz und dem Land Bremen finanziert. Im Jahre 1982 mitten im Kalten Krieg gegründet, versteht sich die FSO heute als ein Ort, an dem der Ostblock und seine Gesellschaften mit ihrer spezifischen Kultur aufgearbeitet sowie aktuelle Entwicklungen in der post-sowjetischen Region analysiert werden.
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Nachruf auf Semjon Glusman

Quelle: FSO 01-242
Semjon Glusman (10.09.1946 in Kyjiw – 16.02.2026 in Kyjiw)
Semjon Fischelewitsch Glusman kam in einer russischsprachigen Kyjiwer Arztfamilie zur Welt, die seit Generationen Mediziner hervorbrachte. Der Tradition folgend studierte auch er Medizin und spezialisierte sich auf Psychiatrie. Zu Hause konnte er sich angesichts einer außerordentlich reichen Bibliothek bilden und war bald in den intellektuellen Kreisen Kyjiws bekannt. Zu seinen Freunden gehörten der Architekt, Schriftsteller und Dissident Wiktor Nekrassow sowie die ukrainischen Menschenrechtler Valerij Martschenko und Leonid Pljuschtsch.
Anfang 1972 baten Menschenrechtsaktivisten Glusman, ein Fachgutachten im „Fall Grigorenko“ zu erstellen. Der hochdekorierte, einstige Weltkriegsgeneral Petro Hryhorenko saß zu der Zeit in einem Psychiatriegefängnis ein, weil er sich kritisch über Stalin geäußert und sich für ein Rückkehrrecht der von Stalin deportierten Krimtartaren in ihre Heimat eingesetzt hatte. Auf der Basis der herausgeschmuggelten Patientenakte schrieb Glusman sein Gutachten, in dem er Hryhorenko volle Zurechnungsfähigkeit attestierte. Dies Gutachten verbreitete sich schnell im „Samisdat“, erreichte den Westen und sorgte für große internationale Aufmerksamkeit.
Die Konsequenzen seiner Handlung waren dem jungen Psychiater Glusman sehr wohl bewusst. So überraschte ihn die darauffolgende Vorladung beim KGB nicht. Im Mai 1972 verurteilte ihn ein Gericht zu sieben Jahren Lager und weiteren drei Jahren Verbannung wegen „antisowjetischer Agitation und Propaganda“. Beim Transport ins Lager lernte Glusman den ukrainischen Dichter Wassyl Stus kennen. In dem berüchtigten Lager für politische Häftlinge „Perm36“ traf er weitere Landsleute aus der Ukraine; einen von ihnen, den Literaturwissenschaftler und Dissidenten Iwan Switlytschnyj, bezeichnete er später in seinen Memoiren als seinen „Lehrer“, der ihm das würdige Überleben in Haft vorgelebt und beigebracht habe.
1982 durfte er in seine Heimatstadt zurückkehren. Es wurde ihm erlaubt, als Kinderarzt in einer Kinderklinik zu arbeiten. Mit Beginn der Perestroika begann Glusman, sich aktiv mit der Aufarbeitung der sowjetischen Zwangspsychiatrie zu befassen. Noch bevor die Ukraine ihre Unabhängigkeit erlangte, gründete er die „Vereinigung der Psychiater der Ukraine“. Nach 1992 erhielt dieser Verband große Unterstützung durch den US-Kongress sowie durch zahlreiche europäische Fachorganisationen und Fachleute, wie z.B. die Global Initiative on Psychiatry und seinen Gründer Robert van Voren, mit dem Glusman bald eine enge Freundschaft verband.
Semjon Glusman beteiligte sich an den zwei Maidan-Bewegungen für Unabhängigkeit und Freiheit 2004 und 2013/14 und wurde zu einem wichtigen Akteur der ukrainischen Zivilgesellschaft. Nach dem russischen Vollangriff im Februar 2022 blieb er in Kyjiw und half als Psychologe mit Rat und Tat. Doch die letzten Monate, die permanenten Raketen- und Drohnen-Angriffe sowie die Kälte ohne Strom und Wasser raubten ihm endgültig seine Kräfte.
Wir trauern um eine große Persönlichkeit und ein Vorbild für Zivilcourage und Menschenwürde, um Semjon Glusman, den seine Freunde Slawa nannten, was Ehre bedeutet. Ehre dem Slawa!
Maria Klassen
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