Kolloquiumsvortrag
18:15 IW3/ Zoom
Jan Patrick Zeller (Oldenburg)
Ukrainische Sprachdebatten. Aushandlungen von Zugehörigkeit, Legitimität und Authentizität vor und nach 2022
18:00, Europapunkt Bremen
Artur Weigand
Buchvorstellung
Wissenswertes
Forschungsstelle Osteuropa
Die Forschungsstelle Osteuropa (FSO) ist als An-Institut eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung an der Universität Bremen. Sie wird gemeinsam von der Kultusministerkonferenz und dem Land Bremen finanziert. Im Jahre 1982 mitten im Kalten Krieg gegründet, versteht sich die FSO heute als ein Ort, an dem der Ostblock und seine Gesellschaften mit ihrer spezifischen Kultur aufgearbeitet sowie aktuelle Entwicklungen in der post-sowjetischen Region analysiert werden.
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Archivale des Monats
"Dichterin, leider unfähig zu lügen"
Zum 90. Geburtstag von Natalja Gorbanewskaja eine Biographie in 4 Gedichten

Natalja Gorbanewskaja, 1980er Jahre. Archiv der Forschungsstelle Osteuropa, Foto: Nina Alovert.
Natalja Gorbanewskaja (1936 in Moskau – 2013 in Paris) war eine Dichterin so groß wie Joseph Brodsky und eine Menschenrechtsaktivistin so bedeutend wie Andrej Sacharow, und dennoch erhielt sie weder den Nobelpreis für Literatur wie Brodsky 1987 noch den Friedensnobelpreis wie Sacharow 1975. Der Grund: als Frau wurde sie nicht gesehen bzw. nicht ernst genommen. Dabei war sie es, die als erste formulierte, sie könne "nicht in der Lüge leben". Doch obwohl sie das bereits 1962 in einem ihrer wichtigsten Gedichte ausdrückte, wird diese Philosophie der Andersdenkenden ausschließlich Alexander Solschenizyn (1974) und Vaclav Havel (1978) zugeschrieben, die den Gedanken, die "Macht der Ohnmächtigen" liege darin, die Propagandalügen nicht zu wiederholen, wesentlich später formulierten.
Hier soll ihre Biographie mit vier Gedichten von ihr gewürdigt werden. Sie selbst sagte stets, dass sie nie vorhatte, Tagebuch zu führen oder Memoiren zu schreiben, weil sie alles in ihren Gedichten ausdrückte, aus denen letztlich auch ihre Menschenrechtsaktivität hervorging.
Mit diesem „Selbstportrait“ stellte sie sich 1962 bei Anna Achmatowa vor, die sie sofort als eine der großen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts erkannte:
Wie ein Soldat bei General Andersʼ Feldzügen,
wie der Zinnsoldat aus Andersens Märchen,
Bin ich hier falsch. Ich bin Dichterin,
leider unfähig zu lügen.
Oh, ich kämpfe nicht für Orden
weder als Ordonanz noch Kommandant,
nur als Aufklärerin im mückenverseuchten Sumpf,
einsam auf unsicherem Boden.
Oh – als einfacher Soldat! (Der Angriff erlischt
Mit offenen Händen niedergestreckt im Gras lieg ich - - -
auf der Wange hat es eine Ameise nicht eilig,
dass sie den letzten Bluttropfen noch erwischt.)
Aber wir sind verraten worden. Man kämpft ohne uns.
Andersʼ Schulterstücke gleichen der Tänzerin Spangen,
ihre Schühchen und anderer Tand prangen
anstelle von Geschützen und Munition.
Der Wüstensand tanzt auf unseren Zähnen,
und in der Druckerei weint der Setzer,
und lange freut sich der Trödler
und der Händler weißer Totenhemden.
Oh Heimat!...
Doch die Raben lauern und warten,
dass ich nicht auf das Schlachtfeld eile,
dass ich als Unkraut auf dem Feld bleibe
unter den Sohlen der abziehenden Soldaten.
Mit folgendem Gedicht verarbeitete Gorbanewskaja ihre Demonstration auf dem Roten Platz gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968:

Gedicht von Gorbanewskaja über die Niederschlagung des Prager Frühlings, 28.12.1973. Archiv der Forschungsstelle Osteuropa, Foto: Muriel Nägler.
Ich war es, die weder Warschau rettete noch später Prag,
Ich bin es, ich bin es, für mich gibt es kein Erlösen,
Und mein Haus sei verflucht und verschlossen wie ein Sarg,
Das Haus des Verbrechens, das Haus der Sünde, das Haus des Verrats und das Haus des Bösen.
Und, durch unsichtbare Fesseln an es gekettet, Jahr ein Jahr aus
Werde ich Trost und Linderung finden in diesem furchtbaren Haus,
In einer verräucherten Ecke, wo es erbärmlich ist und das Licht so fern,
Wo mein Volk ohne Schuld lebt und ohne Gott den Herrn.
Gorbanewskaja wurde für die Demonstration 1971 neun Monate lang in ein Psychiatriegefängnis gesteckt und dort mit Psychopharmaka zwangsbehandelt. „Im Irrenhaus“ hatte sie bereits 1966 für ihren Freund Jurij Galanskow geschrieben, der mehrfach zwangspsychiatriert wurde. Sie selbst zitierte es immer wieder, auch um ihre eigene Erfahrung zu beschreiben:
Im Irrenhaus
Ringʼ deine Hände
Schlagʼ deine bleiche Stirn an die Wände,
Wie in den Schnee dein Haupt.
Dort im Dunkel der Gewalt,
Wo das irre Lachen hallt,
Dort ist Russlands Welt,
Das hinter die Spiegel fällt.
Für Russlands eigenen Sohn
Gibt es Psychopharmakon,
Für sich selbst ab sofort
Den Transport zum Lagerort.
Um einer zweiten, möglicherweise lebenslangen Zwangspsychiatrierung zu entgehen, emigrierte Gorbanewskaja und lebte ab 1976 mit ihren beiden Söhnen in Paris, wo sie als Redakteurin und Übersetzerin arbeitete. Der Zusammenbruch der Sowjetunion war ihr Genugtuung und Triumph zugleich, wie sie in einem weiteren Selbstportrait Mitte der 1990er Jahre festhielt:
Das Slawentum mir Heimat schafft,
Das Parisertum die Staatsbürgerschaft,
Ich bin genau wie eine Schweizer Uhr,
Doch für Belehrungen taub ist mein Ohr.
Mein Wille ist wie ein Wintersturm auf offenem Feld…
Meine Seele kennt keinen Eskapismus,
Meine Jahreszeit ist, wenn Regen fällt,
Meine Epoche ist das Ende des Kommunismus.
Text und alle Übersetzungen: Susanne Schattenberg
Susanne Schattenberg ist Direktorin der Forschungsstelle Osteuropas. Ihre Biographie „Natalja Gorbanewskaja. Für eure und unsere Freiheit“ erscheint Anfang 2027 im C.H. Beck Verlag.
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