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Wissenswertes
Forschungsstelle Osteuropa
Die Forschungsstelle Osteuropa (FSO) ist als An-Institut eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung an der Universität Bremen. Sie wird gemeinsam von der Kultusministerkonferenz und dem Land Bremen finanziert. Im Jahre 1982 mitten im Kalten Krieg gegründet, versteht sich die FSO heute als ein Ort, an dem der Ostblock und seine Gesellschaften mit ihrer spezifischen Kultur aufgearbeitet sowie aktuelle Entwicklungen in der post-sowjetischen Region analysiert werden.
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Archivale des Monats
„Druschba" — „Freundschaft"
Das Reisetagebuch der Familie Kolesow als Dokument zweier Epochen

Titelseite des Reisetagebuchs, April 1999. Archiv der Forschungsstelle Osteuropa, Foto: Robert Latypov.
In der Sammlung der Hörerbriefe, die der russischen Redaktion der Deutschen Welle in den Jahren 1996–2001 zugeschickt wurden und die sich heute im Archiv der Forschungsstelle Osteuropa Bremen befinden, sticht ein Dokument besonders hervor: ein umfangreiches, selbst gestaltetes Fotoalbum mit Tagebuchcharakter. Iwan Kolesow und seine Frau Walentina legten es im April 1999 an und sandten es anlässlich eines Wettbewerbs zum 50. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland ein. Das Motto des Wettbewerbs lautete: „Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie die Wörter ‘Deutscher’ und ‘Deutschland’ hören?“
Es war nicht der erste Wettbewerbsaufruf, dem die Familie aus Kuibyschew (heute Samara) folgte. Bereits 1969 hatten sie ein Album zum 20. Jahrestag der DDR eingesendet und eine Rundreise durch die DDR gewonnen.

Iwan Kolesow (vorne) während der DDR-Rundreise, Mai 1970. Archiv der Forschungsstelle Osteuropa, Foto: Robert Latypov.
1999, fast dreißig Jahre später, knüpfte Kolesow an die Reise von 1970 an und verarbeitete sie für den Wettbewerb der Deutschen Welle. Das Album enthält Zeitungsausschnitte mit Reiseberichten, originale Reiseprospekte aus der DDR, Fahrkarten, Fotografien, den Briefwechsel mit der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft sowie eigenen Kommentaren. Der Ton des Albums ist aufrichtig wohlwollend. Die DDR erscheint als „Schaufenster des Sozialismus" mit wunderbaren „Freunden" und „Genossen", gepflegten Museen, malerischen Thüringer Bergen und feierlichen Empfängen. Das sowjetische Narrativ der Völkerfreundschaft wird ohne jeden Anflug von Ironie wiedergegeben.

Ausschnitt aus dem Album der Familie Kolesow. Archiv der Forschungsstelle Osteuropa, Foto: Robert Latypov.
Besonders aufschlussreich ist das Begleitschreiben. Iwan Kolesow berichtet, dass am 19. April 1999, an seinem 62. Geburtstag, in Berlin das Reichstagsgebäude feierlich eröffnet wurde. „Dieses Datum wird mit goldenen Lettern in die Geschichte Deutschlands eingehen", schrieb er. „Dieses freudige Ereignis geschah genau an diesem Tag — nicht einen Tag früher, nicht einen Tag später — das ist wie ein Zeichen für mich." Ein Mensch, der im sowjetischen Koordinatensystem aufgewachsen war, freute sich aufrichtig über die Wiedervereinigung eines Landes, das in seiner Jugend offiziell in ein „brüderliches" und ein „feindliches" geteilt war. Das war keine Dissidentenhaltung. Es war ein stiller, organischer Perspektivwechsel, der in der Glasnost-Ära möglich geworden war.
Das Album der Familie Kolesow ist ein seltener Quellentyp: ein persönliches Dokument, in dem der Epochenwandel keinen Bruch, sondern Bereicherung bedeutete. Sowjetische Narrative der Völkerfreundschaft stehen neben aufrichtiger Freude über das wiedervereinigte Deutschland; offizielle Reiseprospekte von 1970 neben handschriftlichen Notizen von 1999. Gerade in dieser Überlagerung liegt der historische Wert des Objekts. Es erinnert uns daran, dass die große Geschichte von konkreten Menschen gelebt wird — wie etwa von einem Ingenieur aus Kuibyschew, der später als Klempner in Noworossijsk arbeitete und dennoch seine Neugier auf die Welt nie verlor.
Robert Latypov
Lesetipps:
Deutsche Welle (Hg.): Was denken die Russen über die Deutschen? Aus der Hörerpost der Deutschen Welle, Bonn 1999.
Yurchak, Alexei: Everything Was Forever, Until It Was No More. The Last Soviet Generation, Princeton 2005.
Robert Latypov ist Historiker und arbeitete zeitweise im Archiv der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen. Bis 2022 war er Leiter der Menschenrechtsorganisation Memorial Perm.
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