Student Magazine: "Beyond Empire: Eastern Europe in Focus"
Wissenswertes
Forschungsstelle Osteuropa
Die Forschungsstelle Osteuropa (FSO) ist als An-Institut eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung an der Universität Bremen. Sie wird gemeinsam von der Kultusministerkonferenz und dem Land Bremen finanziert. Im Jahre 1982 mitten im Kalten Krieg gegründet, versteht sich die FSO heute als ein Ort, an dem der Ostblock und seine Gesellschaften mit ihrer spezifischen Kultur aufgearbeitet sowie aktuelle Entwicklungen in der post-sowjetischen Region analysiert werden.
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Archivale des Monats
Der Sarg-Künstler
Zum 40. Todestag des Moskauer Bildhauers Wadim Sidur
Bild von Wadim Sidur mit einer Widmung für Elfie Siegl, 1978. Archiv der Forschungsstelle Osteuropa, Foto: Muriel Nägler.
Manchmal haben Zufälle weitreichende Konsequenzen: In den späten 1970er Jahren traf ich den Professor für slawische Literaturen Karl Eimermacher (geb. 1938) der Uni Bochum für ein Interview für den Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS). Diese Begegnung führte mich später in einen Keller am Komsomolski Prospekt 5 in Moskau. Dort wirkte der Bildhauer und Grafiker Wadim Sidur (1924-1986), den Eimermacher gefördert und im Westen bekannt gemacht hat. Sidur hatte im Zweiten Weltkrieg als Offizier in der ukrainischen Sowjetrepublik gegen die Deutschen gekämpft. Die Schussverletzung seines Kiefers brannte die Spuren dieses Krieges für ihn lebenslang nicht nur in sein Gesicht, sondern prägte auch seine Kunst. Vadim Sidur, als Sohn russisch-jüdischer Eltern 1924 im ukrainischen Jekaterinoslaw (heute Dnipro) geboren, thematisierte in seinen Werken immer wieder Leid, körperliche Versehrtheit, Gewalt, Krieg, Tod und Verzweiflung. „Grob-Art“, Sarg-Kunst, nannte er einen bedeutenden Teil seines Schaffens - jene Metallsärge in Naturgröße, die den engen Atelierkeller auf fast makabre Weise beherrschten. Diese Särge erinnerten daran, dass Sidur - in der Sowjetunion bis in die Gorbatschow-Zeit nicht offiziell anerkannt, aber doch bekannt - seiner Kunst eine spezielle Sichtbarkeit gab. Er fertigte Skulpturen für private Gräber auf Moskauer Friedhöfen an, die damit öffentlich wurden.
Seine Linolschnitte, die er gerne verschenkte, zeigten oft schwierige Beziehungen von Mann und Frau. Das Archivale dieses Monats ist ein Beispiel dafür.
Sidur, der in Moskau zum Monumentalbildhauer ausgebildet wurde, ließ sich von der antiken ägyptischen sowie der assyrisch-babylonischen Kunst beeinflussen. Obwohl Sidur 1974 aus der KPdSU ausgeschlossen wurde, hatte er nicht vor, die Sowjetunion zu verlassen, im Unterschied zu seinem Freund Ilja Kabakow (1933-2023). Ihn lernte ich in Sidurs Kelleratelier kennen, wobei ich mit naivem Eifer versuchte, ihm seine Pläne, in den Westen zu emigrieren, auszureden. Hätte Kabakow auf meinen Rat gehört, wäre der modernen Welt wohl einer ihrer größten Maler und Konzeptkünstler vorenthalten geblieben.

Kelleratelier von Wadim Sidur (links), ihm gegenüber Elfie Siegl. Archiv der Forschungsstelle Osteuropa, Foto: Eduard Gladkow.
Sidurs Atelier war in den Jahren vor seinem Tod am 26. Juni 1986 eine Art Sehnsuchtsort für westliche Gäste - nicht nur wegen der aufgestellten Skulpturen, Lithographien, Zeichnungen. Sondern auch, weil man dort, den Tee von Sidurs Frau Julia genießend, am großen runden Tisch ungestört diskutieren konnte. Zu den Besuchern gehörten unter anderem auch Petra Kelly (1947-1992) und Gert Bastian (1923 -1992), damals Bundestags-Abgeordnete der Grünen.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine schenkte Sidur, wenn auch aus tragischem Anlass, neue Aufmerksamkeit: fast vier Jahrzehnte nach dem Tod des Künstlers wurde in Dnipro seine Skulptur „Tod durch Bomben“ aufgestellt - eine Fliegerbombe, die einen Menschen durchbohrt. Deren Fertigung nach einem Model von 1965 erinnert an einen russischen Raketenangriff auf Sidurs Geburtsstadt im Jahr 2023.
Elfie Siegl
Lesetipps
Eimermacher, Karl: „Vadim Sidur, Skulptur, Graphik“, Konstanz 1978.
Riff, Gisela; Eimermacher, Karl (Hg.): „Vadim Sidur. Kunst im Zeitalter des Schreckens, Bremen 1992.
Elfie Siegl ist Journalistin und war lange Zeit in Moskau für RIAS Berlin, die Frankfurter Rundschau, die Westdeutsche Allgemeine und die Frankfurter Allgemeine Zeitung als Korrespondentin tätig.
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