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Impulsreferat und informeller Austausch
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Wissenswertes
Forschungsstelle Osteuropa
Die Forschungsstelle Osteuropa (FSO) ist als An-Institut eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung an der Universität Bremen. Sie wird gemeinsam von der Kultusministerkonferenz und dem Land Bremen finanziert. Im Jahre 1982 mitten im Kalten Krieg gegründet, versteht sich die FSO heute als ein Ort, an dem der Ostblock und seine Gesellschaften mit ihrer spezifischen Kultur aufgearbeitet sowie aktuelle Entwicklungen in der post-sowjetischen Region analysiert werden.
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Archivale des Monats
Juli oder August 1980?
Der Beginn der polnischen Streikbewegung vor 45 Jahren
Briefmarken des polnischen Künstlers Jerzy Lakutowicz, 1985. Archiv der Forschungsstelle Osteuropa, Foto: Silke Plate
Die Briefmarken mit dem Titel „Polnischer Sommer“ entwarf der Künstler Jerzy Lakutowicz (1950-1997) aus Lublin im Jahr 1985. Allerdings wurden sie nicht als Beförderungsentgelt auf Briefe geklebt. Vielmehr waren sie ein Ausdruck des Protests der demokratischen Oppositionsbewegung in Polen: Sie dienten der Verbreitung oppositioneller Botschaften und wurden durch ihren Verkauf zur finanziellen Unterstützung der Bewegung eingesetzt.
Auf der ersten Briefmarke ist eine Mauer mit einem zerrissenen Plakat zu erkennen. Daneben sieht man hingekritzelt die Aufschrift „Streik 1980“. Das teilweise zerstörte Plakat stellt das Manifest vom 22. Juli 1944 dar und steht, so der Herausgeber dieser Untergrundbriefmarken Paweł Bryłowski im Zeitzeugeninterview, für den Anfang des kommunistischen polnischen Staates. Unter dem Plakat ist auf drei Marken der Serie ein immer größeres Loch zu sehen, darunter aufgelistet die Namen von Betrieben und Städten in der Woiwodschaft Lublin, in denen ab Anfang Juli 1980 gestreikt wurde. Die Bildunterschrift lautet „Lubliner Juli“. Auf der vierten Untergrundbriefmarke – „Danzig Küstenregion August“ – folgt schlussendlich der komplette Mauerdurchbruch, durch den der Blick auf eine friedlich versammelte Menschenmenge fällt. Über ihr prangt der Schriftzug der Unabhängigen Selbstverwalteten Gewerkschaft Solidarność. Diese hatte sich im Zuge der landesweiten Massenstreiks und der Verhandlungen zwischen den Streikenden und den Vertretern des Machtapparates im August 1980 in Danzig (Gdańsk) gebildet und entwickelte sich rasch auch zu einer sozialen und politischen Bewegung. Auf den August folgten Monate relativer Freiheit, in denen ein gesellschafttliches und kulturelles Leben, das sich von der staatlichen Ideologie abgrenzte, möglich war. Mit der Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 fand es jedoch ein jähes Ende.
In den 1980er Jahren zirkulierten Zehntausende solcher nachgeahmter Briefmarken der Untergrundpost. Manche, wie die hier gezeigten, waren kleine Meisterwerke und sahen den Briefmarken der staatlichen Post täuschend ähnlich. Die Untergrundbriefmarken, die vor allem politische, historische und religiöse Themen ins Bild setzten, waren Teil des sogenannten Zweiten Umlaufs (drugi obieg), des unabhängigen Publikationsumlaufs, der außerhalb der staatlichen Zensur verbreitet wurde. Ihre Grafiker und Herausgeber hatten sich zum Ziel gesetzt, mit den visuellen Botschaften auf Kleinstformat den zensierten Informationsfluss der staatlichen Machthaber zu unterwandern. Den offiziellen Deutungen der Ereignisse setzten die oppositionellen Akteure so ihre Narrationen entgegen.
Interessant ist, dass sich der Künstler Lakutowicz mit seiner Darstellung auf dem Briefmarkensatz gleich von zwei vorherrschenden Narrativen absetzt: zum einen, wie es im Zweiten Umlauf gängig war, von der staatlichen, zensierten Version, welche die Protestierenden pauschal als Zerstörer der Ordnung im Land und ernste Gefahr für den Staat verunglimpfte. Zum anderen hebt sich Lakutowicz‘ Bildgeschichte aber auch von der im Zweiten Umlaufdominierenden Erzählung ab, denn er stellt die zahlreichen Streiks im Juli in und um Lublin als den Beginn der Danziger Massenproteste und des Durchbruchs dort im August dar. Im allgemeinen Verständnis oppositioneller Kreise galten jedoch die Streiks und Verhandlungen auf der Lenin-Werft und die daraus resultierenden Vereinbarungen mit den weitreichenden Zugeständnissen vonseiten der Machthaber als der eigentliche Anfang der oppositionellen Massenbewegung. Demnach war es der August, der ein selbstbestimmteres Leben einläutete. Lakutowicz‘ kritische Gegendarstellung ist allerdings eine Ausnahme im Rahmen der Untergrundpost. Der August in Danzig war das allseits bekannte und unangefochtene Identifikationsmoment für die demokratische Opposition und nicht etwa die kleineren Vorgeschichten im Osten des Landes. Daran änderte auch Lakutowicz‘ Serie nichts.
Silke Plate
Lesetipps:
Machcewicz, Anna: Bunt. Strajki w Trójmieście. Sierpień 1980, Gdańsk 2015.
Plate, Silke: Widerstand mit Briefmarken. Die polnische Oppositionsbewegung und ihre Unabhängige Post in den 1980er Jahren, Paderborn 2021.
Dr. Silke Plate ist Redakteurin und Übersetzerin der Polen-Analysen an der Forschungsstelle Osteuropa. Sie hat ihre Dissertation über die Unabhängige Post in der Volksrepublik Polen verfasst.
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