Glaube und Eigensinn. Russisch-orthodoxe Volksfrömmigkeit in der Sowjetunion, 1941 bis 1964
Aktuelles Projekt von Ulrike Huhn
Religiöse Praktiken im Kontext der Orthodoxie stehen im Zentrum dieser Dissertation. Die Kirchenpolitik der Staats- und Parteiführung durchlief in der Kriegs- und Nachkriegszeit verschiedene Zäsuren. Wie aber veränderten sich in der Folge die religiösen Praktiken des Kirchenvolkes? Angesichts von Krieg und dem unklaren Handlungsrahmen – was war erlaubt und was nicht? – spielten Gerüchte eine wesentliche Rolle: Im Medium Gerücht wusste die orthodoxe Bevölkerung den kriegsbedingten Abbruch der antireligiösen Propaganda zu deuten, und dieser Austausch sowie Gerüchte über eine bevorstehende Liberalisierung der Kirchenpolitik ermutigte die christliche Bevölkerung zur Ausübung religiöser Praktiken bis hin zu den großen Massenwallfahrten mit einigen Tausenden Pilgern. Gerüchte wurden daher zu einem Faktor, der die Kommunikation zwischen religiöser Bevölkerung und Staats- und Parteiführung und schließlich die Umsetzung der neuen Kirchenpolitik ab Herbst 1943 wesentlich bestimmte.
Dies soll in verschiedenen Kontexten und Zeitphasen beleuchtet werden: Beginnend mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 bis zum symbolhaften Treffen Stalins mit den Metropoliten der Russisch-Orthodoxen Kirche im September 1943 spielten „Himmelsbriefe“, aktualisierte Legendenstoffe und schließlich Gerüchte über kommende Kirchenöffnungen eine wichtige Rolle für die „Belebung der Religiosität“, wie Vertreter von Staat und Partei konstatierten. Für die Umsetzung der neuen Kirchenpolitik ab Herbst 1943 verließ sich das Regime sogar auf mündliche Nachrichtenwege, da es grundlegende Informationen über das Prozedere der Kirchenöffnungen nicht bekannt machte. Wie innerhalb der orthodoxen Bevölkerung der Aufbruch zu Wallfahrten – sowohl zu lokalen Pilgerorten wie auch zu den großen, wenn auch meist geschlossenen Heiligtümern des Landes – kommuniziert und auf welche Weise Heilserlebnisse wie Visionen oder Wunderheilungen ausgetauscht wurden, wird in einem Kapitel zu „Wunderzeiten“ betrachtet. Erst neue Kampagnen und Maßnahmen gegen die Religionen unter Nikita Chruščev ab 1958 beendeten diese Phase.
Auf dem Feld der Volksfrömmigkeit musste das Regime die Erfahrung machen, dass es die Bedürfnisse und Praktiken seiner Untergebenen weder kanalisieren noch unterdrücken konnte. Die Erforschung von religiös konnotierten Gerüchten, Volksfrömmigkeit und dem Eigensinn der Beherrschten lassen daher neue Erkenntnisse über das Verhältnis von Herrschaft und Renitenz in den späten Jahren von Stalins Herrschaft und unter Nikita Chruščev zu.
